Besuche auch unsere Facebook-Seite mit vielen Bildern, Videos und Berichten von früher!

Interview mit Bernd Franke

Teilen

von Mario Gailing
"Heute sind beim DFB nur noch Typen, die alles abnicken."
Bernd Franke hat weit mehr als 300 Bundesliga-Spiele absolviert und war jahrelang der Stellvertreter von Sepp Maier bei der Nationalelf. Die großen Vereine wollten ihn, aber er blieb lieber in Braunschweig. 
Bernd Franke, bevor wir uns mit Ihrer Zeit als Profifußballer befassen. Was haben Sie im Anschluss an Ihre Karriere gemacht, nachdem Sie 1985 Ihr letztes Bundesliga-Spiel im Braunschweiger Trikot absolviert haben?
Ich war 25 Jahre für Adidas im Außendienst als Repräsentant im Saarland, der Pfalz und Luxemburg tätig.

Sie sind mit 21 Jahren zu Fortuna Düsseldorf gewechselt, bevor Sie für 14 Jahre das Trikot von Eintracht Braunschweig überstreiften. Was hat diesen Verein für Sie so besonders gemacht?
Ich fühlte mich einfach wohl und hatte alles, was ich mir erhofft habe. Außerdem gehörte ich zu den Spitzenverdienern. Ich hatte zwar Angebote von Ajax Amsterdam, Bayern München, Eintracht Frankfurt und dem FCK, aber ich bin letztlich geblieben.

Um einen Vergleich zur heutigen Zeit zu bekommen, wieviel haben Sie denn als Spitzenverdiener und Nationalspieler bei Eintracht Braunschweig verdient?
Das waren etwa 300.000 DM brutto. Ein Franz Beckenbauer hatte etwa 500.000 DM.

Obwohl Sie mit Braunschweig zweimal abgestiegen sind, sind Sie dem Club als Nationalspieler treu geblieben und haben auch beide Male den Wiederaufstieg geschafft. Hatten Sie nicht die Befürchtung, dass Sie Ihren Platz in der Nationalmannschaft verlieren, wenn Sie in der 2. Bundesliga spielen?
Bundestrainer Helmut Schön hatte mir zugesichert, dass ich trotzdem Nationalspieler bleibe. Sein Wort hat er auch gehalten.

Sie haben keine Titel gewonnen, obwohl Sie Nationalspieler waren und in der Fachwelt stets zu den besten Torhütern Deutschlands zählten. Würden Sie heute im Nachhinein sagen, dass es ein Fehler war das Angebot des FC Bayern auszuschlagen? Dort wäre die Möglichkeit auf Titel deutlich größer gewesen.
Das Angebot von Bayern kam nach Sepp Maiers schwerem Autounfall. Ob es ein Fehler war abzulehnen weiß ich nicht. Ich habe auch Ajax abgesagt, das in dieser Zeit dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat. Ich wäre wohl also sehr wahrscheinlich Europapokalsieger geworden. Im Nachhinein ist man immer klüger. Es muss alles passen, auch für die Familie. In Braunschweig hatte ich einfach alles, was mir wichtig war.

Auch Frankfurt und Kaiserslautern wollten Sie damals verpflichten. Warum haben Sie keines der Angebote angenommen? Schließlich wären Sie somit ganz nah bei Ihrer saarländischen Heimat gewesen.
Das stimmt. Dietrich Weise und Erich Ribbeck wollten mich. Ich hätte deutlich mehr verdienen können. Die Nähe zur Heimat hat mich aber nicht besonders gereizt, weil ich sowieso immer nur Zweijahresverträge unterschrieben habe und somit alle zwei Jahre die Möglichkeit hatte näher an die Heimat zu wechseln. Wahrscheinlich mögen und erkennen mich die Leute deshalb auch heute noch in Braunschweig, obwohl viele derjenigen damals noch gar nicht gelebt haben. Ich bin immer noch ein Idol und bekomme auch noch ca. 10 Autogrammwünsche in der Woche.

Das Pech, das Sie in Bezug auf die Nationalmannschaft begleitete, kann kaum größer sein. Sie verpassten gleich mehrere große Turniere aus unterschiedlichsten Gründen. Fühlten Sie sich als der Pechvogel, den die Öffentlichkeit in Ihnen sah oder war das für Sie einfach das Berufsrisiko eines Fußballers?
Das war einfach Pech. 1974 spielte ich nach der Saison noch mit Braunschweig die Aufstiegsspiele und konnte deswegen nicht mit zur WM. 1978 bei der WM in Argentinien hatte ich gute Möglichkeiten zu spielen. Ich war im Kicker-Magazin nach Noten der beste Torhüter, brach mir aber das Bein im letzten Spiel vor der WM. Eigentlich wäre ich also bei drei Weltmeisterschaften dabei gewesen, aber ich trauere dem nicht nach. Meine Stärken waren Beständigkeit und dass ich nach Rückschlägen nicht lange brauchte, um diese Dinge auszublenden. Dafür durfte ich mit zur Olympiade nach Los Angeles 1984. Das war toll und hat für viele Rückschläge entschädigt.

In Braunschweig war Paul Breitner, nach seiner Rückkehr 1977 von Real Madrid in die Bundesliga, Ihr Mannschaftskamerad. In eine gut funktionierende Mannschaft kam plötzlich ein Superstar. Wie hat er sich in die Mannschaft integriert?
Breitner war ein Fremdkörper. Er wurde nicht aufgenommen, weil er machte was er wollte. Er wollte unbedingt der Spielmacher sein, dabei hatten wir mit Charly Handschuh schon einen sehr guten Spielmacher. Weil wir nun mit zwei Spielmachern im Mittelfeld spielten, waren wir in der Defensive sehr anfällig und sind fast abgestiegen. Paul Breitner war sehr schwierig, sehr überheblich und hat alle verrückt gemacht. Deswegen hatte er auch beim FC Bayern nie eine wichtige Funktion inne. Ich kann wirklich nichts positives über ihn sagen.

In Ihrem Kollegenkreis waren Sie sehr beliebt. Sepp Maier nannte Sie einst einen super Kumpel und den besten Ersatztorwart der Welt. Pflegen Sie noch Kontakte oder Freundschaften zu ehemaligen Weggefährten?
Man trifft sich regelmäßig beim Golf. Unter anderem mit Klaus Fischer oder den Kremers-Zwillingen. Wir spielen Geld für gute Zwecke ein mit den GoFus, den golfspielenden Fußballern.

Gibt es bestimmte Spiele oder Szenen, an die Sie sich besonders gerne zurückerinnern?
Da ist vor allem das 1:1 1977 in Kiew. Oleg Blochin träumt immer noch von mir. Das war eines meiner besten Spiele. Die Russen sind an mir verzweifelt. Dadurch kamen wir weiter und sind erst gegen den späteren Cup-Sieger PSV Eindhoven ausgeschieden.

Welchen Trainer würden Sie als Ihren besten Trainer bezeichnen und warum? 
Ich hatte viele gute Trainer, aber Branko Zebec war mit Abstand der Beste. Ein ganz harter Hund, der uns sehr viel abverlangt hat. Da war man topfit. Sepp Maier hatte ihn als Trainer bei Bayern und kann auch ein Lied davon singen.

Gab es Spieler, die Sie beeindruckt haben?
Ich habe in einer Zeit gespielt, in der die Besten gespielt haben. Pelé, Eusebio, Keegan, Platini, Beckenbauer, Müller, Seeler. Die waren alle toll. Sie waren die Größten.

Hatten Sie ein Vorbild auf der Torwartposition?
Ich war ja bis ich 17 war Feldspieler und mit Anfang 20 schon Nationaltorwart. Ich hatte also auch Feldspieler als Vorbild. Aber Hans Tilkowski hat mich am meisten beeindruckt. Seine unaufgeregte Art hat mir gefallen. Auch wenn ich schön fliegen konnte, habe ich lieber richtig gestanden, wie durch die Gegend zu fliegen.

Man hört häufig, dass es im Profifußball in der damaligen Zeit auch neben dem Platz ordentlich zur Sache ging und viele Spieler, Trainer und Funktionäre einen nicht ganz so professionellen Lebenswandel hatten. Hand aufs Herz, wie war das damals?
Das waren einzelne Spieler, die ausflippten. Der Rest lebte solide. Die Trainer waren immer froh, wenn ein Spieler verheiratet war, denn dann ernährten sich die Spieler ausgeglichener.

Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen der Zeit, als Sie noch spielten und heute?
Damals trainierten wir nur einmal täglich und es gab nur einen Trainer mit seinem Co-Trainer. Da hat der Trainer auch noch das Torwarttraining gemacht und wusste über die Form seiner Torhüter bestens Bescheid. Heute stehen so viele hochbezahlte Menschen auf dem Platz. Der Jogi Löw steht doch nur auf dem Platz rum und schaut sich alles an. Einer stellt die Trainingshütchen auf und bekommt dafür eine Million, da kann ich nur noch lachen. Trainer werden heute so schnell hochgelobt und genauso schnell sind sie wieder verschwunden. Das war früher alles beständiger. Wie eine Trainerkarriere verläuft hat meist nur noch mit Kontakten und Vernetzungen zu tun. Der DFB ist das beste Beispiel für diese Cliquenwirtschaft. Weil sich Sepp Maier nichts sagen lässt, wurde er entlassen, damit Klinsmann, Löw und Bierhoff auch Andreas Köpke einbinden konnten. Heute sind beim DFB nur noch Typen, die alles abnicken.
Aber auch die Fans haben sich sehr verändert. Die Ultras gehen mir auf den Wecker. Die ließ man viel zu groß werden. Es sollte nur noch personalisierte Sitzplätze geben, damit man die ganzen Chaoten, die Pyro abbrennen und sich vermummen, ausfindig machen kann. Wenn ich mir zum Beispiel Frankfurt ansehe. Das ist ein ganz schlimmes Pflaster. Da musst du als Spieler aufpassen was du sagst, sonst zünden die dir das Haus an. Oder bei Schalke erinnere ich mich an Szenen, als zwei Ultras ganz unbehelligt auf den Platz gehen konnten, um dem Spielführer die Binde abzunehmen. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Wenn mir einer an den Arm gefasst hätte, der hätte sich zweimal überschlagen.

Gehen Sie in Ihrer Freizeit noch in Fußballstadien oder sind Sie „satt“?
Manchmal werde ich vom DFB zu Spielen eingeladen und schaue mir auch hin und wieder Spiele von Eintracht Braunschweig an. Durch meine Tätigkeit bei Adidas schaute ich auch regelmäßig in Kaiserslautern, bei Bayern und besonders häufig in Leverkusen vorbei.

Share by: